Die Nacht gehört den guten Taten
Jul 8th, 2008 by Björn
“Hilfe, ich werde angegriffen!” so prangt es im Chat-Fenster. Ich rufe meine Reittier und frage im Chat, wo der Hilfesuchende sich befindet.
“Ich komme!”
“Wieviele?”
“Bin Unterwegs.”So liest es sich im Chatfenster dieser bunten, nicht realen Cyberwelt. Und schon stürme ich los, die Waffe griffbereit. Den Hilfesuchenden erkenne ich schon aus der Ferne. Viele weitere sind seinem Ruf gefolgt und treiben eine Handvoll Gegner in die Flucht. Ein Heiler kümmert sich um den Angegriffenen, ein Stosstrupp setzt der flüchtenden Gegnerschaft nach.
Ich spendiere etwas Wasser und Fleisch, dazu noch einige Tränke. Jemand entzündet ein Lagerfeuer und die Gruppe setzt sich. Die Pixelflammen sorgen für eine entspannte Atmosphäre, wir quatschen über alles mögliche und tauschen untereinander Erfahrungen aus…
So oder so ähnlich könnte es sich in einer der vielen virtuellen Spielwelten zugetragen haben, die Tag für Tag von Millionen Menschen besucht werden und die sich dort treffen, um gegen übermächtige Monster, seltene Kreaturen oder andere Gegner anzutreten. Egal, ob World of Warcraft, Herr der Ringe Online oder andere.
Meist weiss man von seinem Gegenüber nur den Spielernamen, meist kennt man nur seine Gestalt im Spiel. Nicht einmal das Geschlecht muss stimmen, jeder kann jeden spielen.
Zugegeben, ich habe schon mehr Zeit in solchen Spielen verbracht, als mir lieb ist. Momentan ist es aber leider nicht der Fall, in den letzten Wochen und Monaten habe ich kaum Zeit dazu. Aber dennoch macht mich jeder noch so kleine Ausflug in diese Parallelwelten neugierig. Und es wirft in mir Unmengen Fragen auf. Ich kenne nur wenige Leute persönlich, die spielen, aber in der virtuellen Welt selber kenne ich Unmengen von Spielern. Und manchmal stelle ich mir vor, das sich dort dann am Abend Leute treffen, die niemals zusammen ihren Abend verbringen würden, wenn sie voneinander wüssten.
Der Chef, der einen Mitarbeiter entlassen musste, tröstet in der Spielwelt am Abend diesen und ist etwas neidisch, weil dieser jetzt öfters spielen kann und somit schneller im Level aufsteigt. Die Webdesignerin, die Abends mit ihrem Gegenüber flirtet, der am Tag von ihr an der Telekom-Hotline zusammengestaucht wurde. Oder der Schwulenhasser, der einen weiblichen Charakter spielt und am Abend mit einem männlichen Spieler vor den Traualtar tritt.
All diese Fantasien zeigen doch aber eines, wir sind nicht immer die Menschen, zu denen uns das Leben oder unser Umfeld gemacht hat. Oftmals zeigt uns dieser Spielecharakter auch den wahren Menschen, er offenbart sozusagen unsere Seele und gibt ihr eine Pixelgestalt.
Und diese Pixelgestalt zeigt ihr Gesicht in der Nacht, durch gute Taten und Hilfsbereitschaft oder durch Hinterlist und Arroganz…